Lutherbibel 1912
Klagelieder 5
1Gedenke , HERR , wie es uns geht; schaue und siehe an unsre Schmach !
2Unser Erbe ist den Fremden zuteil geworden und unsre Häuser den Ausländern .
3Wir sind Waisen und haben keinen Vater ; unsre Mütter sind Witwen .
4Unser Wasser müssen wir um Geld trinken ; unser Holz muß man bezahlt bringen lassen .
5Man treibt uns über Hals ; und wenn wir schon müde sind , läßt man uns doch keine Ruhe .
6Wir haben uns müssen Ägypten und Assur ergeben , auf daß wir Brot satt zu essen haben .
7Unsre Väter haben gesündigt und sind nicht mehr vorhanden, und wir müssen ihre Missetaten entgelten .
8Knechte herrschen über uns, und ist niemand, der uns von ihrer Hand errette .
9Wir müssen unser Brot mit Gefahr unsers Lebens holen vor dem Schwert in der Wüste .
10Unsre Haut ist verbrannt wie in einem Ofen vor dem greulichen Hunger .
11Sie haben die Weiber zu Zion geschwächt und die Jungfrauen in den Städten Juda' s .
12Die Fürsten sind von ihnen gehenkt , und die Person der Alten hat man nicht geehrt .
13Die Jünglinge haben Mühlsteine müssen tragen und die Knaben über dem Holztragen straucheln .
14Es sitzen die Alten nicht mehr unter dem Tor , und die Jünglinge treiben kein Saitenspiel mehr .
15Unsers Herzens Freude hat ein Ende ; unser Reigen ist in Wehklagen verkehrt .
16Die Krone unsers Hauptes ist abgefallen . O weh , daß wir so gesündigt haben !
17Darum ist auch unser Herz betrübt , und unsre Augen sind finster geworden
18um des Berges Zion willen, daß er so wüst liegt , daß die Füchse darüber laufen .
19Aber du, HERR , der du ewiglich bleibst und dein Thron für und für ,
20warum willst du unser so gar vergessen und uns lebenslang so gar verlassen ?
21Bringe uns , HERR , wieder zu dir, daß wir wieder heimkommen ; erneuere unsre Tage wie vor alters !
22Denn du hast uns verworfen und bist allzusehr über uns erzürnt .